Den Sportlehrer an einer Berufsschule hatte ich über friendscout24.ch kennengelernt. Wir haben uns ein paar Wochen zuerst über die Plattform, dann über Skype geschrieben. Ich habe schnell gemerkt, dass er wohl eher einsam ist, da er z.B. Sonntagabends lieber stundenlang chatten wollte, als einen Film zu schauen… Zudem hat er auch geschrieben, er hätte wirklich gerne wieder eine Beziehung, er vermisse es, dass nie jemand zuhause sei, wenn er heim komme etc. Damit habe ich z.B. (villeicht noch) kein Problem, da ich ja noch nicht allzu lang Single bin und das sogar manchmal auch geniesse. Ansonsten war der Austausch mit ihm aber echt interessant und schön. Viele gemeinsame Interessen – vor allem in sportlicher Hinsicht. Dann haben wir entschieden, uns mal (endlich) zu treffen. Im Vergleich zu meinen anderen bisherigen Dates ging das recht lange. Viele Online-Partneragenturen empfehlen, dies möglichst schnell zu tun. Elitepartner sagt z.B.: «Verlassen Sie schnellstmöglich die Online-Phase. Raus aus dem virtuellen Raum, hinein in die Realität!»
Da wir zwar im gleichen Kanton, jedoch ziemlich weit auseinander wohnen, trafen wir uns ungefähr in der Mitte. Chinesisch essen war angesagt. Das Essen war gut – das Date weniger. Obwohl ich wirklich der Meinung war, dass wir uns in der virtuellen Welt sehr gut verstanden hatten, war mir schon ziemlich sofort klar, dass daraus nichts werden würde. Und das, schon bevor er mir den Kopf vollgejammert hatte. Was nämlich folgte, war ein Paradebeispiel von «Don’ts» – Themen bzw. Verhaltensweisen, die man an einem Date, vor allem einem ersten, logischerweise vermeiden sollte. Der Klassiker schlechthin: Die Ex. In diesem Fall sogar Ex-Frau bzw. Bald-Ex-Frau – Scheidung noch nicht abgeschlossen. Hat er doch tatsächlich den ganzen Frust über ihr Verhalten bei mir abgelassen: Angefangen bei «Wie es dazu kam», also zur Trennung, über wie sie ihm sein Kind vorenthält, das er sehr gerne mehr sehen würde (finde ich grundsätzlich begrüssenswert, wenn ein Vater das möchte und einfordert) und ihre ständig wechselnden neuen Partner bis zu «diese Abzockerin», inkl. ziemlich genauen Angaben, wie viel er ihr bezahlen muss. Ich sass da und hab gedacht, ich hör nicht richtig, in welchem Film bin ich denn da gelandet?
Bevor der Auskotzerei über die Ex hatte er sich aber schon äusserst ausführlich über seine Schüler beschwert inkl. detaillierter Schilderungen der vergangenen Tage, des Straf-Stich-Systems, das er eingeführt hatte, etc. etc. Da beschlich mich schon das Gefühl, dass der Arme einfach absolut niemanden hatte zum Reden und sehr einsam war. Und das hat sich ja nur noch bestätigt. Als dann nur noch er am Essen war – wir hatten ein Menu für zwei bestehend aus drei Hauptgängen bestellt – meinte er: «Aber erzähl du jetzt mal» oder so ähnlich. Dann trug ich noch meine höchstens 20% am gesamten Gesprächsvolumen bei – bei einem von Online-Partneragenturen empfohlenen Verhältnis von 50:50. Wahrscheinlich wars eher 90:10.
Bei der Verabschiedung auf dem Parkplatz – ich freute mich schon auf die ruhige Heimfahrt und wollte das schnell hinter mich bringen – holte er dann tatsächlich nochmals aus. Ich weiss nicht mehr genau worüber, aber nochmals 10 – 15 Minuten warens sicher, trotz eher später Stunde und langem Heimweg vor uns. Dann endlich sass ich im Auto, wartete bis er davonfuhr und fuhr in die entgegengesetzte Richtung heimwärts…
Ob ich wieder was von ihm gehört habe seither? Würde man ja denken, wenn sich einer bei einem so über persönliche Dinge auslässt – ich zumindest. Aber nein, nichts mehr seither – zum Glück. Ich bin echt froh. Er tut mir einfach nur leid, hatte glaube ich einfach ein Riesenbedürfnis, alles einmal abzuladen. Und ich wünsche ihm, dass er eine findet, die sich gerne volljammern lässt und vielleicht sogar noch einstimmt – ich bin definitiv die Falsche dafür.
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